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Hip-Hop-Feminismus, Oder: Was es heisst, eine Kultur zu lieben, die dich nicht immer zurückliebt

von Lea Dora Illmer, nach dem Original-Artikel aus dem Gender-Glossar mit freundlich-feministischer Genehmigung von Heidi Süß.


Woher stammt der Begriff?


Joan Morgan, eine amerikanische Kulturkritikerin, verwendete Hip-Hop-Feminismus zum ersten Mal in ihrer Streitschrift When Chicken heads Come Home to Roost: A Hip-Hop Feminist Breaks It Down. Sie beschäftigt sich darin mit der Schwierigkeit und dem Zwiespalt, feministisches Gedankengut mit ihrer Vorliebe für die männer*dominierte Hip-Hop-Kultur zu vereinen. Mit anderen Worten: (Wie) ist es möglich, Feministin* zu sein und gleichzeitig Hip-Hop zu lieben?

Ihre Antwort darauf ist ein Feminismus, der den Lebenswelten von women of color, der sogenannten hip-hop generation, gerechter wird. So sind auch die meisten Anhänger*innen des Hip-Hop-Feminismus junge women of color mit akademischem Hintergrund.


Was vorher geschah:


Um den Begriff Hip-Hop-Feminismus zu fassen, ist es grundlegend, die über 40-jährige Geschichte der Kultur des Hip-Hop zu kennen und zu verstehen. Es beginnt im New York der 1970er Jahre, hier entsteht das, was wir heute als Hip-Hop zusammenfassen: die vier Elemente Rap, Breakdancing, Graffitiwriting und DJ*neing. Viele der darin enthaltenen Art und Weisen, etwas zu tun, entstammen afrodiasporischen, mündlichen Traditionen und dien(t)en hauptsächlich Schwarzen und lateinamerikanischen Jugendlichen dabei, sich politisch und kreativ auszudrücken. Hip-Hop war – und Rap sogar wortwörtlich – stets ein «Sprachrohr der Strasse», also ein Mittel, um auf Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen aufmerksam zu machen.


Was hat Geschlecht damit zu tun?


Die Vertreter*innen der zweiten Generation, die mit Hip-Hop aufgewachsen sind, werden langsam erwachsen: Sie arbeiten, studieren und verrichten Care-Arbeit. Einige bleiben an der Uni und forschen zu dem, was sie interessiert: Hip-Hop. Seit einigen Jahren gibt es eine wachsende Anzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen in diesem Themenfeld, dabei erhalten die Geschlechterbeziehungen in der Hip-Hop-Kultur eine besondere Aufmerksamkeit. So bildeten sich verschiedene Theorien und Perspektiven heraus, eine dominante ist die patriarchatstheoretische: Die Kultur des Hip-Hop wird dabei als Männer*welt verstanden, die patriarchal organisiert ist. Darin gibt es nur beschränkt Platz für Frauen* – meist als hypersexualisierte Objekte.

Hip-Hop-Feminismus lässt sich – als Teil des Dritte-Welle-Feminismus – als Reaktion auf ebendiese Aspekte sowie als Kritik und Weiterentwicklung bestehender feministischer Strömungen verstehen. Dabei argumentieren Hip-Hop-Feminist*innen durchaus aus einer postkolonial und intersektional informierten Perspektive, die blosse Abwertung der Kultur als sexistisch und frauen*verachtend greift für sie aber zu kurz. Sie verfolgen einen feministischen Ansatz, der mit den (vermeintlich) widersprüchlichen Lebensrealitäten von Frauen* (of color) der Hip-Hop-Generation einhergeht. Morgan fasst zusammen: «I needed a feminism brave enough to fuck with the grays. And this was not my foremothers’ feminism» (1999, S. 59).


Und wo sind die Frauen*?


Wie und wo wird das Hip-Hop-sozialisierte weibliche* Subjekt (of color) verortet, positioniert? Und wo positionieren wir uns selbst? Pough bringt das Problem auf den Punkt, wenn sie schreibt: «what it means to be a woman who participates in and loves a culture that doesn’t always love you» (2007, S. 90). Frauen* sind im Hip-Hop nicht unsichtbar, aber in der Art und Weise, wie sie sichtbar sind oder gemacht werden, liegt das Problem. Der weibliche Körper (of color) wird oftmals als stets verfügbar inszeniert. Hip-Hop-Feminismus kritisiert demnach weit mehr als sexistische Raptexte. An erster Stelle steht die Entwicklung eines feministischen Bewusstseins, welches es jungen Frauen* (of color) erlaubt, ihre eigene Rolle innerhalb der Kultur zu problematisieren und gleichzeitig als Form von Empowerment zu begreifen. Diese Selbstermächtigung kann sich unterschiedlich ausdrücken, beispielsweise durch Sexpositivismus.

Verwobene Zusammenhänge von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus sowie ihre Auswirkungen auf die Produktion und Reproduktion von Rollenbildern und Geschlechter- sowie Machtverhältnissen im Hip-Hop und in der Musikindustrie werden kritisch durchdacht. Gleichzeitig widmet sich der Hip-Hop Feminismus auch der Aufarbeitung weiblicher Hip-Hop-Geschichte. Die Kultur kann als Möglichkeitsraum der Rückeroberung weiblicher* Körper und Sexualität (of color) begriffen werden und dient auch heute noch als Sprachrohr, welches junge Menschen zu politisieren vermag. Geschlechter- und queertheoretische Auseinandersetzungen im Bereich Hip-Hop finden in literarischen, künstlerischen, journalistischen und wissenschaftlichen Sphären statt. Die Wegbereiterinnen* der hip-hop feminist studies sind Tricia Rose, Joan Morgan, shani jamila und Gewndolyn Pough, deren Analysen oft um das Werk bedeutender (afro)amerikanischer Rapperinnen und Hip-Hop Diven kreisen. Hier seien beispielsweise Lil’ Kim oder Missy Elliot genannt, welche den Begriff der bitch im Sinne einer Selbstaneignung und Aufwertung positiv umdeuten und für sich beanspruchen. Im deutschsprachigen Raum schliessen Lady Bitch Ray oder SXTN mit Sexpositivismus an diese Tradition an. Im Mittelpunkt des Hip-Hop-feministischen Ansatzes stehen weiterhin Rezeptions- und Aneignungsstrategien (sub)kultureller Praktiken sowie die Sichtbarmachung diskriminierter, zum Beispiel queerer, Subjektpositionen. Das gilt auch für den deutschsprachigen Raum, selbst wenn der Begriff Hip-Hop-Feminismus (noch) eher ungebräuchlich ist. Hierzulande zielt der Aktivismus vor allem auf die Vernetzung und Sichtbarmachung weiblicher* Akteurinnen.


Strategien der Inszenierung geschlechtlicher Identitäten variieren, so orientiert sich der Feminismus der Rapperin Sookee beispielsweise verstärkt an der Queer Theory und damit an der Reflexion und am Abbau tradierter und problematischer Geschlechterrollen im und durch Hip-Hop. Die trans*Frau und Aktivistin FaulenzA rappt gegen heteronormative Schönheitsideale an und Sir Mantis nutzt ihn als Ausdrucksform, um kritisch über Geschlecht nachzudenken. Hip-Hop-Feminismus macht deutlich, dass die Kultur des Hip-Hop kein abgeschlossener Mikrokosmos ist. Vielmehr ist sie offen und durchlässig für gesellschaftliche Veränderungen und besitzt noch immer erheblich subversives Potential.


Literatur:

Morgan, Joan (1999). When Chickenheads Come Home to Roost. A Hip-Hop Feminist Breaks It Down. New York: Simon & Schuster.

Pough, Gwendolyn D. (2007). What It Do, Shorty? Women, Hip-Hop and a Feminist Agenda. Black Women, Gender & Families: Women’s Studies and Black Studies Journal, 1(2), S. 78–99.

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